Wir sind die Volontär:innen des 12. Jahrgangs der Evangelischen Journalistenschule in Berlin

Marlene Brey Als ich kam, hatte ich nicht vor, zu bleiben. Ich hatte die Grippe, Liebeskummer und Heimweh. In diesem Zustand fuhr ich von einer WG-Besichtigung zur nächsten – fest entschlossen, alles scheiße zu finden. Dennoch waren alle Berliner:innen nett zur mir. Bei dem Gedanken, in dieser Stadt bleiben zu müssen, fing ich mitten in der U-Bahn an zu heulen. Da reichte mir meine Sitznachbarin ihre Packung Taschentücher. Ich musste es einsehen: Eine Stadt, die dich aufnimmt, ohne dass du sie darum gebeten hast, kann kein schlechter Ort sein. Jedes Mal, wenn ich mich seither von der Stadt trennen wollte, eroberte sie mich zurück.
Sofie Czilwik Ich kam nachts in Berlin an, mit einem Rucksack und zwei Koffern, großen Erwartungen und ganz aufgeregt. Nach zehn Metern krachten die Räder meines Koffers ab, eine halbe Stunde später war mein Handy weg. Mein neuer Mitbewohner hatte vergessen, dass ich komme, und meine Matratze verliehen. Berlin hat mich nicht mit offenen Armen empfangen. Aber seit ich hier bin, lässt mich die Stadt nicht mehr los.
Laura Eßlinger Ich, zwei Freundinnen, ein Umzugstransporter. Frankfurt – Berlin. Die vorausgesagte Ankunft: 18.33 Uhr. Am Ende war es kurz vor neun, als wir Berlin erreichten. Verschnaufpause war nicht. Stattdessen: mit dem Transporter noch einmal quer durch Berlin, um einen Schrank im Wedding abzuholen. Am nächsten Morgen um zehn saß ich in der Journalistenschule. Hundemüde.
Milena Hassenkamp Als ich in Berlin ankam, war ich eineinhalb Jahre alt. Seitdem sage ich: Ich bin Berlinerin. Manchmal muss ich mich verteidigen, dass ich nicht hier geboren, sondern bloß aufgewachsen bin. Und manchmal, dass ich meinen Bezirk nur ungern verlasse.
Paul Hildebrandt Als ich nach Berlin reinfuhr, war alles grau, es regnete und ein kalter Wind pfiff durch die Straßen. Es dauerte zwei Monate, dann kam plötzlich dieser Sonntag: Die Sonne schien zum ersten Mal, auf einen Schlag war die Stadt voller Menschen und am Maybachufer spielte eine Straßenband. Es fühlte sich an wie das Ende einer Probezeit und ich hatte mich verliebt.
Franziska Hoppen Ich wohne seit fast zwei Jahren in Berlin, aber das Ankommen hat gedauert. Vielleicht, weil ich mitten in der Touri-Hochburg wohne und mein Berlin da anfängt, wo die Nächte anderer aufhören: zwischen Kotze und Schnapsleichen. Aber irgendwann ist es dann doch passiert, langsam, schleichend. Wenn ich zufällig in eine Kiezdemo gerate oder in einen spontanen Rave, wenn mir nachts an der Warschauer Straßenmusik entgegen schallt – dann ist Berlin doch nicht so schlecht.
Ann-Kathrin Jeske Warmer Apfelstrudel mit selbstgemachter Vanillesoße: Damit empfingen mich meine Mitbewohnerinnen, als ich vor vier Jahren in Berlin ankam. Wir kannten uns nicht, aber wir hatten eine gemeinsame Freundin. Und so war klar, nachdem wir die Möbel ins Zimmer geschafft hatten und beim Strudel am Küchentisch Geschichten über unsere Freundin austauschten: Ich hatte ein neues Zuhause.
Johanna Kleibl Die ersten Wochen meines Studiums zog ich couchsurfend durch Berlin und verbrachte genauso viel Zeit auf Wohnungssuche wie an der Uni. Irgendwann dann eine Zusage: undichte Fenster, kaputte Dusche, auch bei laufender Heizung. Temperaturen, bei denen man die Jacke lieber anlässt. Trotzdem ein Gefühl des Angekommenseins. Denn es gibt Dinge, die sind noch wichtiger als der Standard der Wohnung: nette Mitbewohner:innen und ein vielseitiger Kiez.
Theresa Krinninger Im Epizentrum der Gentrifizierung im Prenzlauer Berg sticht unser Haus heraus: bröckelnder Putz, klapprige Fensterläden. Unsere Nachbar:innen zahlen mindestens doppelt so viel Miete, dafür müssen wir im Winter die Kohle aus dem Keller in den ersten Stock schleppen. Der Berliner shabby Chic mit hohen Decken und knarzendem Parkettboden hat seinen Reiz, aber eigentlich würde ich gerne richtig ankommen. In einer Wohnung mit Heizung.
Theresa Liebig „Mama Berlin mag Stein und Benzin – wir lieben deinen Duft, wenn wir um die Häuser ziehen“, singen Seeed in „Dickes B“. Diesen Duft wollte ich nach dem Abitur auch riechen, hat aber nicht geklappt. Sechs Jahre später bin ich doch noch nach Berlin gekommen und weiß jetzt: Berlin bietet alles zu jeder Zeit und das ist für mich etwas zu viel. So richtig angekommen bin ich in meinen zwei Jahren Hauptstadt leider nie.
Sylvia Lundschien November 2008: Ich unterschreibe den Vertrag für meine erste eigene Wohnung in Berlin. Ein Upgrade auf 55 Quadratmeter gegen jene neun, auf denen ich zuvor im Wohnheim lebte. Ich lasse mich erst einmal auf das Klappsofa fallen, das als einziges Möbelstück bei Einzug in der Mitte meines Zimmers steht.

September 2018: Das Sofa ist noch immer da, die Wohnung vollgestellt, die Wände zum zweiten Mal gestrichen. Aus dem Nest ist ein Basislager geworden. Ankommen klappt hier aber immer noch gut, auch wenn ich mittlerweile wieder Lust auf neue Orte habe.

Birte Mensing In den ersten Tagen wohnte ich übergangsweise bei meiner Freundin Marleen. Am Vorabend war ich spät nach Hause gekommen, am nächsten Morgen früh wieder los. Marleen und ich hatten uns nicht gesehen und sie dachte, ich wäre nachts nicht da gewesen. Sie rief mich an, doch mein Handy war lautlos. Ich saß in einer Küche zum WG-Casting, Marleen begann sich Sorgen zu machen. Sie rief meinen besten Freund an und schrieb meinen Eltern. Natürlich hatte niemand von mir gehört. Als ich schließlich aus dem Casting kam, hatte ich zwölf verpasste Anrufe, 20 ungelesene Nachrichten, einen aufgeschreckten Freundeskreis und das Gefühl: Ich kann so schnell nicht verloren gehen.
Ivy Nortey Mein Umzug nach Berlin war eigentlich kein Umzug, sondern eine längst fällige Übersprungshandlung. Darauf folgte ein schleichender Prozess des Ankommens. Als ich die Stadt dann endlich als neues Zuhause akzeptiert hatte, ging alles ganz schnell: neue Freunde, richtig gute, eine neue Wohnung, neue Perspektiven. Als hätte jemand heimlich einen Schalter umgelegt. So fühlt es sich jedenfalls im Nachhinein an. Das ist ein paar Jahre her. Jetzt habe ich das Gefühl, es wartet ein neuer Lebensabschnitt auf mich – und bin gespannt, ob ich auch in diesem nochmal richtig in Berlin ankommen kann.
Rachelle Pouplier Koffer gepackt, ab ins Auto, raus aus dem norddeutschen Kuhdorf, ausgebrochen aus dem elterlichen Haus, los in die Hauptstadt, hinein in die Einzimmerwohnung meiner Freundin. In Berlin empfingen mich Freiheit, ein glitzernder Fernsehturm, Bären, Kurzzeitjobs, Nachtschwärmer:innen, Tangotänzer:innen, vietnamesisches Essen, riesige Altbauwohnungen, minus 17 Grad, Katzen und ein Kohleofen.

Seither führen Berlin und ich eine intensive Liebes-Pendel-Fern- und Nah-Beziehung. Ganz aufgeben werde ich sie nie. Dafür ist das Kribbeln im Bauch, wenn ich nach Berlin reinfahre, immer noch zu schön.

Christina Spitzmüller Alt, unrenoviert, mit viel Provisorium: Meine Mitbewohnerin redete mir die Wohnung schlecht, bevor ich einzog. Ich ließ mich nicht abschrecken und stand zwei Wochen später mit meinem Rucksack und fünf Kisten vor dem Haus. Alles hochschleppen in den vierten Stock, Altbau. Dann die erste Zigarette und ein Radler auf dem neuen Balkon – angekommen.
Shea Westhoff Als ich durch die neue Heimat flanierte, war ich verblüfft, wie tief die Temperaturen in Berlin fallen können. Zum ersten Mal konnte ich mich in die brasilianischen Bundesligaprofis hineinversetzen, die jedes Jahr verdächtig spät aus dem Winterurlaub kamen und manchmal das erste Rückrundenspiel verpassten. Ich ärgerte mich über meine Hafenarbeiter-Mütze, die ich einst auf Amazon für 2,99 Euro erworben hatte, die aber meine Ohren nicht bedeckte. Dann entdeckte ich eben jene Mütze im Schaufenster eines hippen Klamottenladens. Das Kreuzberger Pendant kostete 90 Euro, was mir gut gefiel.

Die Evangelische Journalistenschule Berlin

Die Evangelische Journalistenschule Berlin (EJS) ist eine leistungsstarke Medien-Ausbildungsstätte. 1995 in Berlin gegründet, steht die EJS in der Tradition der Christlichen Presseakademie, der ältesten unabhängigen journalistischen Ausbildungsstätte in Deutschland. Die Journalistenschule ist ein Geschäftsbereich des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik (GEP), des zentralen Medienunternehmens der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), ihrer Gliedkirchen und Werke.

Die evangelische Kirche engagiert sich für eine fundierte Ausbildung von jungen Journalist:innen, um ihrer gesellschaftspolitischen Verantwortung in den Medien gerecht zu werden. Ein unabhängiger, couragierter, nachdenklicher und werteorientierter Journalismus ist nach Überzeugung der evangelischen Kirche unverzichtbar für Orientierung, Meinungsbildung und Verständigung in einer demokratischen Gesellschaft. Neben der professionellen Vermittlung des journalistischen Handwerks legt die EJS Wert auf die gründliche Reflexion ethischer Standards.