Berlin ist Deutschlands Hauptstadt, aber trotzdem nicht deutsch. Die Metropole ist geprägt von den Menschen, die aus anderen Regionen hergekommen sind. Jedes Jahrzehnt hat seine typischen Ankommer. Wie prägt die Stadt die Gesichter der Menschen, die hier jetzt hier leben? Eine Fotoserie.

1960er Jahre – deutsche Firmen werben Gastarbeiter:innen, viele kommen aus der Türkei

Gülsüm Kaya, früher Türkei, heute Lichterfelde Ost

Ich war sieben Jahre alt und hatte gerade die erste Klasse beendet, als ich aus meiner Heimat rausgerissen wurde. Mein Vater war zwei Jahre vorher als sogenannter „Gastarbeiter“ angeworben worden. Wir kamen im Mai 1970 am Flughafen Tempelhof an. Der Anblick der Gebäude hat mich eingeschüchtert, so grau, so groß. In unserem türkischen Dorf hatten die Häuser höchstens ein Stockwerk. Wir nahmen ein Taxi nach Kreuzberg, da wohnte mein Vater in der Naunynstraße. Zweiter Hinterhof, Seitenflügel, dritte Etage rechts. Einzimmerwohnung. Meine Mutter stellte ihre Taschen ab, setzte sich aufs Sofa und fing an zu weinen. Wo hatte er uns hingeholt?

Erst haben wir uns kaum rausgetraut, nur im Hinterhof gespielt. Im Vorderhaus wohnten deutsche Familien, mit denen hatten wir Hinterhofkinder kaum Kontakt. Im Herbst kamen meine Schwester und ich in die 2. Klasse, nur türkische Kinder. Jede Woche hatten wir eine Doppelstunde Deutschkurs, aber gelernt hab ich die Sprache auf der Straße. Am Ende der vierten Klasse hat unser Lehrer zwei Kinder ausgewählt, die am besten Deutsch sprachen. Ich und ein anderes Mädchen. Unter Tränen gingen wir Hand in Hand zur deutschen Klasse. Wir saßen da und kamen überhaupt nicht mit.

In der neunten Klasse besuchten wir das  Arbeitsamt. Damals war Arzthelferin gerade in Mode, darum  habe ich das auch als Berufswunsch angegeben. Eines Sonntags klopfte ein türkischer Kinderarzt an unserer Tür und bot mir einen Ausbildungsplatz an. Mein Vater war unglaublich stolz, einen so hohen Gast zu empfangen. Ich begann also meine Ausbildung , engagierte mich ziemlich schnell in der Gewerkschaft.

Anfang der 80er verlor mein Vater seine Arbeit und meine Eltern gingen zurück in die Türkei. Meine Schwester, mein Bruder und ich sind geblieben. Wir sind hier zuhause.

 


 

1980er – im Libanon herrscht Krieg, mehrere Hunderttausend fliehen nach Deutschland

Amando Meaini, aus dem Libanon nach Wilmersdorf

Berlin war schneebedeckt und ich bekam einen regelrechten Kälteschock, als ich am 7. März 1980 um sieben Uhr morgens in Tegel landete. Doch schon drei Stunden später wärmte mich die Sonne, woraus ich neue Hoffnung schöpfte. Mit dem Taxi fuhr ich zum Studentenwerk in der Hardenbergstraße und holte dort den Schlüssel für mein reserviertes Zimmer ab. Im Flur meines Wohnheims traf ich andere Araber:innen. Sie wiesen mich in die Gepflogenheiten ein. Zwei Tage später begann mein Deutschkurs, den ich schon im Libanon gebucht hatte.

Im Libanon war Krieg. Ich sorgte mich sehr um die Sicherheit meiner Familie. Ein paar Mal im Monat ging ich zur Post am Bahnhof Zoo und bestellte ein Ferngespräch nach Beirut. Ich wartete zwei bis drei Stunden, bis die Verbindung hergestellt war und jemand rief: „Beirut, Kabine 3.“ Dann konnte ich mit meiner Familie sprechen.

Eine Begegnung hat mir beim Ankommen hier den entscheidenden Schubs gegeben. An einem Novembertag 1980 saß ich in einem Café im Europacenter, als mich eine Frau fragte, was ich lese. Ich zeigte ihr meine Deutschbücher und erzählte, dass ich eigentlich arabisch spreche. Sie vermittelte mir dann meinen ersten richtigen Job als Übersetzer im Sozialamt. Ich habe diese Frau danach nie wieder gesehen, aber ihren Namen vergesse ich nie: Sie hieß Frau Engel.

Später habe ich Sprachwissenschaften studiert. Alle Gelegenheiten, die sich mir boten, habe ich ergriffen – ich übersetzte nicht nur im Sozialamt, sondern auch Filme und Fernsehinterviews. Ich wurde Teil der Berliner Gesellschaft, nach sieben Jahren war ich so integriert und akklimatisiert, dass ich mir schwer vorstellen konnte, vom Leben hier Abschied zu nehmen. Also bin ich geblieben und wohne bis heute in Wilmersdorf. Heute übersetze ich viel bei Gericht. Jetzt wo die vielen Flüchtlinge hier sind, gibt es viel zu tun.

 


 

1990er – die Sowjetunion hat sich aufgelöst, viele Russen kommen als Spätaussiedler nach Deutschland


Andrei Gridchuk, früher Russland, jetzt Charlottenburg

Ich suchte eine Stelle und wurde Solobratschist des Orchesters an der Deutschen Oper. Berlin war anders als Frankreich, wo ich vorher gelebt hatte. Hier lebten viele Ausländer:innen. Alle Nationalitäten, auch viele Russ:innen. Das war super für mich. Deutsch habe ich so nebenbei gelernt, ich spreche immer noch nicht wirklich gut. Am Anfang habe ich mit meinen Kolleg:innen im Orchester nur Englisch gesprochen.

Am meisten Kontakt hatte ich zum Konzertmeister, ein Pole. Er sprach auch Russisch, ließ mich ein halbes Jahr bei sich wohnen und half mir beim Ankommen.

Bis heute habe ich hier eigentlich nur russische Freund:innen, vielleicht zwei deutsche gute Bekannte, aber keine Freund:innen. Ich hatte  auch nie Interesse daran. Immer wenn ich frei habe, fliege ich nach Russland, um dort Freund:innen zu treffen und die Verbindungen aufrecht zu erhalten.

 

 

 

 

 

 


 

2000er Jahre – aus dem südwestdeutschen Raum zieht es immer mehr Menschen nach Berlin

Stephanie Bucksch, früher Baden-Baden, jetzt Friedrichshain

„Multikulti gab’s in Süddeutschland nicht. Als ich 1998 für eine Woche zum Arbeiten nach Berlin kam, übernachtete ich bei einer Freundin im Wedding. Türkische Supermärkte, riesige Gemüseauslagen auf dem Gehsteig, das war mir fremd. Und dann kann man rund um die Uhr einkaufen, es wird nachts nicht richtig dunkel. Diese Stadt schläft nie. Aber daran habe ich mich gewöhnt.

Am Anfang fehlten mir hier die gutbürgerlichen Gasthäuser, die man in Baden-Baden in jedem Vorort findet. Man muss hier kulinarische Einschränkungen machen. Statt ordentlichem Wurstsalat und Fleischkäsesemmel gibt es hier eben Döner- und Asia-Boxen. Der Verein der Baden Würtemberger in Berlin hat eine Liste angelegt, wo man Lyoner für guten Fleischsalat bekommt und wo die Maultaschen in Berlin gut sind. Mit den Vereinsmitglieder:innen treffen wir uns einmal im Monat, das ist dann eine gute Gelegenheit, dem Dialekt zu frönen. Die gemeinsamen Wurzeln im Süden schaffen eine Art von Vertrauensbasis, unter uns gibt es auch viele geschäftliche Verbindungen.

Seit 16 Jahren lebe und arbeite ich in Friedrichshain. Was mir hier gefällt: Man ist schnell in einer völlig anderen Welt. Dass man hier so schnell am Wasser ist. Im Süden haben wir nur den Bodensee und da ist auch noch viel Ufer privat. Hier hat man fast überall Zugang und kann schwimmen gehen.“

 

 

 

 


 

2010er Jahre – Aus dem Krieg in Syrien flüchten rund eine Millionen Menschen nach Deutschland


Mazen Bou Aasi, früher Syrien, jetzt Mitte

Irgendwie dachte ich, dass Berlin moderner wäre. So wie die Bilder, die man von New York im Kopf hat. Ich kam an einem Tag Ende Dezember 2015 mit dem Zug aus Wittenberg nach Berlin. Dort war ich untergebracht, nachdem ich im Herbst in Passau die deutsche Grenze überquert hatte. In Berlin wohnte ich erst bei Freunden, dann in einem Hotel in Kaulsdorf, wo viele andere Flüchtlinge schliefen. Nach einer Weile fand ich dann eine eigene Wohnung.

2016 und 2017 waren schöne Jahre. Die Behördengänge und die deutsche Sprache waren sehr kompliziert für mich. Trotzdem fühlte ich mich frei. Ich hatte kaum Verantwortung, fand schnell Freund:innen. Meine Schwester brachte mir bald meine Geige mit. Mit der Musik habe ich mein altes Leben wieder bekommen, was ich in Syrien hatte. Im Begegnungschor lernte ich viele Deutsche kennen. Die Stimmung war gut, irgendwie hoffnungsvoll.

Jetzt ist diese Ankommensphase vorbei. Ich spreche Deutsch, arbeite an einer Schule, studiere Soziale Arbeit und Musik. Das ganz normale Leben.

 

 

 

 

 

 


Fotos und Protokolle: Birte Mensing